Coaching und vergangene Belastungen (Adversität): Was Klient*innen beim ersten Mal wirklich erleben

Warum das Thema gerade jetzt wichtig ist

Immer mehr Menschen suchen Coaching, um ihr Leben zu ordnen: Ziele erreichen, Entscheidungen treffen, Konflikte klären, Routinen verändern. Gleichzeitig gilt: „Nichtklinisch“ ist längst keine klare Grenze. Viele Klient*innen bringen Belastungen aus der Vergangenheit mit—ohne dass das zwingend eine Diagnose bedeutet. Solche Adversität (außergewöhnlich überwältigende, lebensbedrohliche oder emotional verstörende Erfahrungen) kann beeinflussen, wie sicher sich ein Gespräch anfühlt, wie Vertrauen entsteht und wie offen jemand sprechen kann.

Eine neue Studie von Kate Brassington & F. K. Tia Moin in „Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice“ (Jan 2026) nimmt genau diese Erfahrung ernst: Sie fragt danach, wie Menschen mit vergangener Adversität Coaching zum ersten Mal erleben – aus ihrer Perspektive, also mit Fokus auf die „client voice“.

Worum geht die Studie?

Ziel: die Perspektive der Klient*innen in den Mittelpunkt rücken

Brassington und Moin untersuchen eine Lücke: In der Coachingforschung wird zwar häufig über Coaching gesprochen, über Wirkung oder über die Sicht von Coaches. Aber wie es sich „für Klient*innen mit Adversität“ im ersten Coaching anfühlt, war bislang kaum im Detail erforscht.

Die zentrale Forschungsfrage lautet:

Wie erleben Personen mit vergangener Adversität ihr erstes Coaching?

Dabei schauen die Autorinnen besonders auf zwei Aspekte:

1. Wie beeinflusst Adversität die Beziehung zum Coach?

2. Wie gehen Klient*innen damit um, dass vergangene Themen „unter der Oberfläche“ mitverarbeitet werden—und ob sie das offenlegen?

Wie wurde geforscht?

Design: zwei Coaching-Sitzungen und Interviews

Die Studie basiert auf qualitativen Daten:

– Teilnehmende: 16 Personen, die keine vorherige Coaching-Erfahrung hatten 

– Ablauf: Jede Person erhielt zwei Coaching-Sitzungen (45–60 Minuten) beim selben Coach 

– Interviews: Nach jeder Sitzung wurden Interviews geführt (insgesamt 32 Interviews) – zeitnah, innerhalb von 24–48 Stunden 

– Analyse: Ausgewertet wurde mit Reflexive Thematic Analysis (RTA), einer Methode, die sichtbare und „implizite“ Bedeutungen herausarbeiten kann

Wichtiger Kontext: Listening vs. Challenging

In den zwei Sitzungen wurde die Coaching-Praxis unterschiedlich gewichtet:

– einmal stärker Listening (zuhören, spiegeln, aufgreifen)

– einmal stärker Challenging (herausfordern, konfrontieren)

Entscheidend: Die Autorinnen wollten sehen, ob die Wahrnehmung der Klient*innen davon abhängt, *welche* Strategie verwendet wird—oder ob etwas anderes im Vordergrund steht.

Ergebnis 1: Klient*innen mit Adversität reagieren besonders stark auf Coach-Signale

Master Theme 1: Sensitivität für das Verhalten des Coaches

Ein zentrales Ergebnis lautet: Menschen mit vergangener Adversität sind häufig besonders aufmerksam gegenüber dem Verhalten des Coaches. Dabei geht es nicht nur um Worte—sondern um ein Gesamtpaket:

– Körpersprache

– Tonfall

– Blickkontakt

– ruhige/angespannte Präsenz

– technische Stabilität im Videocall

– spürbare Reaktionsfähigkeit (wirkt der Coach „anwesend“?)

Die Studie zeigt: Diese Sensitivität beeinflusst, wie Klient*innen die Beziehung erleben — und ob sie sich öffnen.

„Auf derselben Wellenlänge“ oder „nicht synchron“?

1.1 Auf derselben Wellenlänge (On the Same Wavelength)

Viele Teilnehmende beschrieben ein Gefühl von Verbindung, wenn der Coach:

– ihnen glaubwürdig und verständnisvoll begegnete,

– sich nicht wertend zeigte,

– ruhig blieb,

– ihnen das Gefühl gab, mehr teilen zu dürfen,

– eine Art *urteilsfreie* Gesprächsatmosphäre herstellte.

Ein bemerkenswerter Punkt: Einige Klient*innen empfanden Coaching als „anders als Therapie“. Sie wollten nicht primär diagnostiziert oder „repariert“ werden, sondern suchten einen kompetenten Rahmen, um Belastungen zu sortieren und weiterzugehen.

1.2 Nicht synchron (Out of Sync)

Wenn die Passung fehlte, reagierten Klient*innen anders: Sie „schalteten sich ab“, teilten weniger oder gingen innerlich auf Distanz. Häufig beschrieben sie Situationen, in denen Signale nicht stimmten—etwa durch:

– fehlende Beziehungsgüte,

– unsichere oder unruhige Präsenz,

– technische Störungen,

– irritierende Hintergrundgeräusche,

– oder eine Wirkung, als würden sie nicht wirklich verstanden.

Die Konsequenz: Offenheit wurde bewusst reguliert. Vulnerabilität wurde eher dosiert—als Schutz vor emotionaler Unsicherheit.

Ergebnis 2: Vergangenheit wird oft „mitverarbeitet“—auch wenn sie nicht ausgesprochen wird

Master Theme 2: Processing Issues Beneath the Surface

Der zweite große Befund lautet: Auch wenn das aktuelle Thema im Vordergrund steht, wird Adversität häufig „hinten“ mitverarbeitet. Viele Teilnehmende beschrieben dies sinngemäß als Hintergrundaktivität („immer dabei“, „im Kopf“, „unter der Oberfläche“).

Dabei gibt es zwei Wege:

Zwei Strategien: offenlegen oder verborgen halten

2.1 Offene Offenlegung vergangener Belastungen

Ein Teil der Teilnehmenden erzählte vergangene Erlebnisse—zumindest teilweise—weil es für das aktuelle Thema „relevant“ war. Offenlegung war oft:

– bewusst kontrolliert,

– dosiert,

– häufig ohne „vollständige“ Geschichte.

Besonders wichtig war für Klient*innen die Reaktion des Coaches:

– keine Schockreaktion

– nicht sofortige Ratschläge

– stattdessen: Zuhören, Validierung, ruhige Anerkennung

Wenn das gelang, berichten Klient*innen von Erleichterung und Sinnzuwachs. Einige erleben sogar regelrechte „Aha“-Momente: Verstehen, dass sie „ihre Zukunft wieder anders sehen können“.

2.2 Vergangenheit verborgen halten

Andere Teilnehmende entschieden sich, vergangene Themen eher zu verbergen. Gründe waren unter anderem:

– Selbstschutz („zu lange her“, „zu tief“)

– Sorge, die Beziehung zu gefährden

– begrenzte Zeit in zwei Sitzungen

– Überforderung mit zu viel Tiefe

Trotzdem arbeiteten sie innerlich weiter: Sie „stellten Zusammenhänge her“, lösten Teile des Musters selbst oder verwendeten Metaphern, um die Logik dahinter zu bearbeiten, ohne alles auszuerzählen.

Zählt Listening oder Challenging wirklich?

Ein wichtiges Ergebnis: Der Unterschied lag nicht in der Technik

Die Studie fand keinen klaren Zusammenhang zwischen den Mustern (offenlegen vs. verborgen halten) und der Coaching-Strategie (Listening vs. Challenging).

Das ist zentral: Nicht das Label „zuhören“ oder „herausfordern“ entscheidet offenbar über die Kernwirkung. Vielmehr scheinen Beziehungssicherheit, Passung und emotionale Präsenz die entscheidenden Variablen zu sein.

Was folgt daraus für Coaches?

Kerngedanke: Raum halten ist eine fortgeschrittene Fähigkeit

Die Autorinnen formulieren als Konsequenz: Coaches könnten zusätzliche Skills brauchen, um einen nicht-direktiven, nicht-reaktiven Raum zu halten—insbesondere wenn Klient*innen emotional aufgeladenes Material (auch indirekt) einbringen.

Das ist anspruchsvoll, denn emotionale Geschichten können beim Coach selbst physiologische oder emotionale Reaktionen auslösen. Genau daraus können dann ungewollte „Rettungs“-Impulse entstehen: zu schnell helfen, zu beraten, zu stark interpretieren oder die Tiefe stoppen.

Trauma-informierte Praxis als praktische Grundlage

Empfohlen werden Konzepte aus:

– Trauma-Informed Practices

– Polyvagal- und somatischen Ansätzen

– sowie dem Rollenmodell „Expert Companion“

„Expert Companion“ bedeutet vereinfacht: Der Coach bleibt unterstützend, aufmerksam und validierend—aber nicht als „Fixer“. Er oder sie stärkt Autonomie und Bedeutungssuche, statt Lösungen aufzuzwingen.

Selbstfürsorge & Supervision

Da solche Gespräche ressourcenintensiv sind, wird auch Supervision als wichtiger Bestandteil betont: ein sicherer Raum, um die emotionale „Nachwirkung“ solcher Inhalte professionell zu verarbeiten.

Takeaways (7 Kernaussagen)

1. Klient*innen mit Adversität scannen stark Coach-Signale (Worte, Körpersprache, Reaktionsfähigkeit, auch technische Faktoren).

2. Passung bestimmt Offenheit: „auf derselben Wellenlänge“ führt zu mehr Verbindung, „nicht synchron“ zu Rückzug.

3. Vergangenheit arbeitet oft „im Hintergrund“, selbst wenn das Gespräch scheinbar Alltagsthemen behandelt.

4. Offenlegung kann hilfreich sein—aber dosiert und besonders abhängig von der ruhigen, validierenden Coach-Reaktion.

5. Ein Teil der Klient*innen hält Adversität verborgen, auch wenn innerlich weiter daran gearbeitet wird.

6. Listening vs. Challenging ist nicht der entscheidende Hebel – entscheidend ist Beziehungssicherheit und emotionale Präsenz.

7. Trauma-informierte Kompetenzen, Ko-Regulation und Supervision werden als wichtige Bausteine für Coaches hervorgehoben.

Was bedeutet das für Coaching?

1) Ausbildung & Weiterbildung: Fokus erweitern

Auch in Deutschland sollten Coaching-Weiterbildungen stärker darauf eingehen, wie Sicherheit in der Beziehung praktisch entsteht: durch Präsenz, Regulation und eine Haltung, die Klient*innen Wahlmöglichkeiten lässt.

2) Grenzen sauber kommunizieren

Wenn Klient*innen Adversität implizit mitbringen, kann die Grenze „Coaching vs. Therapie“ für beide Seiten unscharf werden. Transparente Absprachen (Umfang, Vorgehen, Grenzen) helfen, Vertrauen zu erhalten.

3) Kompetenzen für „schwierige Momente“ stärken

Coaches profitieren vermutlich davon, Tools für Selbst- und Ko-Regulation zu lernen—damit sie auch bei emotional aufgeladenen Inhalten ruhig bleiben, ohne zu übersteuern.

4) Supervision ernst nehmen

Gerade bei indirekten Offenlegungen oder „Untergrund“-Themen kann emotionale Belastung beim Coach entstehen. Supervision sollte nicht „optional“, sondern als Qualitäts- und Sicherheitsfaktor verstanden werden.

Fazit

Die Studie zeigt eindrücklich: Für Menschen mit vergangener Adversität beginnt „erstes Coaching“ nicht erst mit dem Inhalt — sondern mit dem Gefühl, sicher zu sein. Viele beurteilen in den ersten Momenten, ob der Coach „auf derselben Wellenlänge“ ist. Und selbst wenn Adversität nicht offen erzählt wird, wird sie häufig unter der Oberfläche verarbeitet.

Für die Praxis heißt das: Coaching braucht zunehmend Kompetenzen, um einen nicht-direktiven, nicht-reaktiven Raum zu halten — trauma-informiert, mit emotionaler Regulation, klaren Grenzen und professioneller Unterstützung für Coaches.

Hier geht es zum Originaltext: https://doi.org/10.1080/17521882.2026.2620499

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